Hass

Heute wieder mit einem Bericht aus dem Kurs der Werte und Normen-Arbeiterin in Jahrgang 5, in den auch Schüler aus meiner Klasse gehen. Thema sind die verschiedenen Religionen an unserer Schule und für die einzelnen Stunden haben die Schüler kurze Vorträge dazu vorbereitet. In der heutigen Stunde steht der Islam als Religion an, die Gruppe kommt nach vorne, beginnt ihren Vortrag und – ein Zwischenruf:

„Ihh!! Ihr macht Islam, schämt ihr euch nicht dafür?!“

Was ist da los? Hat Pegida jetzt seine Schülergruppe (das wäre dann wohl Schegida) eingerichtet? Denkbar ist das manchmal, doch das Problem sitzt tiefer.

In Syrien tobt seit drei Jahren ein erbarmungsloser Bürgerkrieg, im Irak herrscht in einigen Regionen eine lebensbedrohliche Instabilität, während sich im Norden eine Region ihre Autonomie ausgerufen hat. In der angrenzenden Türkei kämpft eine Bevölkerungsgruppe um die Anerkennung von Rechten und Bedürfnissen. Der Nahe Osten steht unter unmenschlichem Druck und mittendrin sind an allen Fronten die Kurden. Jenes Volk, das kein eigenes Land mehr besitzt, das sich um seine Heimat beraubt sieht und durch gebrochene Versprechen betrogen fühlt.

Die deutschen Kurden wohnen weit weg von all dem und sind doch täglich beinahe hautnah dabei: Teile ihrer Familien leben in Mitten des Pulverfasses – sie kämpfen gegen die Terrorgruppe Islamischer Staat, sie kämpfen eisern gegen den ebenso eisernen syrischen Diktator Assad, sie kämpfen mit seinen Feinden, sie kämpfen gegen seine Feinde. Viele lassen ihr Leben in einer Region, in der Millionen von Menschen auf der Flucht sind.

Alltäglich bringt das Satellitenfernsehen die neusten kriegsgetränkten Nachrichten heimischer Sender in die Häuser und Wohnungen, hält Youtube neue Videos von Siegen, Niederlagen und Exekutionen bereit. Das Gefühl, um seine Heimat betrogen worden zu sein, alleine zu stehen, kann durch so etwas nur allzusehr verstärkt werden.

Die Moslems, denen ich in meinem Unterricht begegne, sind nicht im Entferntesten geeignet, irgendeine Islamisierung zu befürchten. Doch im Nahen Osten herrscht Krieg, die Islamisten (die mit den übrigen Moslems im Zweifelsfall eben gleichgesetzt werden) sind die Feinde und im Krieg bleibt keine Zeit zum Differenzieren. Zögern kann lebensgefährlich sein. Genausowenig wie an den vielen Fronten des Krieges differenziert wird, wird teilweise zu Hause unterschieden. Die Moslems sind doch die, die dem eigenen Cousin in Syrien die nächste Kugel verpassen könnten!

Wenn die SchülerInnen ständig mit den neuesten Greueln versorgt sind, ist klar, dass sie kein Interesse an der eigentlich fremden Religion Islam haben. Sie kennen sie scheinbar doch – als Mörder der eigenen Landsleute. Deshalb sie verdienen kein Interesse außer der Frage, wie man sie beseitigen kann. In einem freien Moment habe ich einmal ein kurdisches Mädchen die Blutlachen aus dem Irak malen sehen und im Unterricht beschimpft man die feindliche Religion dann schon mal.

In der nächsten großen Pause sind all die Gedanken verloren. Die Kinder laufen zusammen über den Hof, machen sich die Haare, spielen Fußball. Trotz allem gehört die Frage „An welche Religion glaubst du?“ nun nicht gerade zum Alltagsgespräch von 11jährigen. Und schon macht man sich gar keine Gedanken darum, dass man gerade mit einem Moslem das Tor verteidigt.

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