Die Schönheit und das Leiden

Milena kommt nicht gerade regelmäßig zur Schule. Ein Blick in das Kursbuch meines Deutschgrundkurses zeigt, dass sie bestenfalls 50% der Zeit anwesend war. Seit Beginn des Schuljahres geht das nun so und da sich mit den Fehlzeiten die Wissenslücken summierten, war schon bald die Versetzung gefährdet. Gespräche mit den Eltern blieben erfolglos.

„Ich bleib‘ eh sitzen!“, verkündete die Siebtklässlerin dann auch im März, als sie das Ruder noch hätte rumreißen können. Und folgerichtig kommt sie auch seitdem weiter nur selten auf einen Besuch bei uns vorbei, das Thema Versetzung ist inzwischen durch. (Nur eines wusste sie bei mir in Religion einmal ganz genau, auch ohne Schule: Dass die Ausländer doch nur an unsere Arbeitsplätze und unser Geld wollen.)

Wenn Milena anwesend ist, weiß sie vor Prusten und Kichern kaum wohin mit sich, jeder Satz und jede Bewegung sind einfach zuuu lustig. Süße Pubertät. Nach den Osterferien wechselte sie ihren Klamottenstil – von Hoodie oder den bei Mädchen diesen alters nicht zu langen Tops zu Bluse und Blazer und Co, begleitet von neuen künstlichen Fingernägeln in tapetenfarbenem Weiß. Bester Damenstil, zumindest aus ihrer Sicht, vermute ich. Diese Beobachtung ist insofern wichtig, weil ihr Rucksack ebenfalls eingetauscht wurde, nämlich gegen eine Handtasche. Oder ist es ein Handtäschen? Zumindest ist dieses Accessoire nicht annähernd groß genug für ein Deutschbuch, ein Schulheft oder eine Mappe. Oder irgendein anderes Schulbuch.

Damit heißt es neben allem Gekicher nun auch: „Ich habe kein Buch mit.“/“Ich habe keine Mappe mit.“/“Ich habe kein Heft mit.“ Die Mitschüler werden es bestimmt schon für sie richten und sie mit in ihr Buch schauen lassen (sofern sie eins dabei haben). Immerhin, an etwas zum Schrieben hat Milena inzwischen gedacht. Für Federmappe und Heft reicht die Handtasche wie gesagt nicht, aber für einen Kugelschreiber und einen Notizblock hat sie Platz gefunden, in den sie heute ihre Ergbenisse notieren will.

Aber es gibt Hindernisse: „Herr Alttagsarbeiter? Ich kann nicht schreiben, das tut an meinem Finger weh!“ Sie zeigt mir den Zeigefinger ihrer Schreibhand samt abgebrochenem künstlichen Nagel. „Immer wenn ich aufdrücke, habe ich Schmerzen!“ Ich erkläre mich für künstliche Fingernägel schlicht nicht zuständig. Und ein wenig später hat Milena doch ein paar Sätze in ihren kleinen Block geschrieben. Nächste Stunde sollte sie wieder fehlen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s