Emotionale Defizite

Kimberli hat heute wieder einen antisozialen Tag und meint sich über Mitschüler lustig machen zu müssen. „Der ist geistlich!“, brüllt sie in der großen Pause albern kichernd durch das Gebäude. Ich halte sie an.

„Was meinst du?“

„Der ist behindert! Das sieht man doch!“ Kichern, dümmliches Grinsen.

Mir ist klar, dass eine Reihe von Schülern bei uns seelisch so kaputt ist, dass sie nur noch Freude daraus beziehen kann, sich über andere lustig zu machen oder sich an deren Schaden zu erfreuen. Das dient auch dazu, um den eigenen Blick permanent von sich selbst abzulenken. Die Schüler sind so unzufrieden und voll innerer und äußerer Wut, dass es sie überfordert, sich ihrer Unzufriedenheit zu stellen oder gar ein friedliches Miteinander zu ertragen. Denn Friede bedeutet auch, nicht vor Wut schreien zu müssen. Ich habe den Eindruck, dass das für viele Schüler ein längst vergessener und damit fremder Zustand ist. Und die Fremde ist immer auch eine (gefühlte) Bedrohung. Der unbedingte Wille, immer und ständig gegen andere zu treten, macht mich allerdings nach wie vor fassungslos.

„Weißt du überhaupt, was ein Geistlicher ist?“

„Hä?“

„Das ist zum Beispiel ein Pastor, jemand, der für die Kirche arbeitet. Was du meinst, hat mit ‚geistig‘ zu tun. Was deinen dämlichen Auftritt, der nur zeigt, dass du keine Ahnung hast, hier nicht besser macht.“

„Meine Mama sagt aber immer, die sind geistlich. Geistlich behindert!“ Kichern, weiteres Grinsen.

Mama muss es wissen.

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