Rausgeflogen

Nein, niemand ist in meiner Klasse aus dem Unterricht rausgeflogen. Ich unterrichte sie nämlich gerade gar nicht, sie haben eine Doppelstunde beim Chemiearbeiter. Trotzdem haben mich einige Schüler zielsicher gefunden, in ihrer Mitte haben sie den weinenden Jonas dabei.

Hier will ich einen Einschub machen: Meine Schüler scheinen über ein Alltagsarbeiter-Ortungsgerät zu verfügen. Ich kann mich im Lehrerzimmer, im Lehrerzimmer des anderen Gebäudes, auf einem Gang oder in der Schulküche aufhalten. Meine Schüler wissen immer genau wo ich bin und finden mich. Sobald ich gefunden wurde, brüllen mir vier bis fünf Kinder die neuesten Unglücke aus der Klasse entgegen. Eine und einer lauter als die anderen. Schließlich will jede und jeder zuerst gehört werden. Da kann auch keine Rücksicht auf Gespräche mit anderen Schülern, mit Eltern, mit Kollegen oder der Schulleitung genommen werden.

So auch heute. Ich hatte es gewagt, entspannt die verbleibenden drei Schulstunden bis zu den Ferien zu zählen. Sie sollten vorläufig in weite Ferne rücken. „Mein Ranzen ist weg!“, schluchzt Jonas mir entgegen, während die anderen versuchen, wilde Theorien zum Verschwinden dieses Ranzens abzusetzen. „Jemand hat den geklaut!“ – „Ich habe Nachschreiber gehabt und dabei die ganze letzte Stunde den Flur im Blick gehabt. Da war niemand an eurem Klassenraum.“, entgegne ich. Was nichts daran ändert, dass der Ranzen weg ist.

Wenig später wird er unter dem Fenster des Klassenraums (dieser befindet sich im ersten Stock) gefunden. Überdies berichtet eine Lehrerin der angrenzenden Grundschule, dass pünktlich zu Beginn der kleinen Pause der Ranzen aus dem Fenster flog. Der Chemieraum befindet sich direkt neben dem Klassenzimmer und die Schüler dürfen dort in der kleinen Pause hinein. Jonas weint noch immer und will nach Hause, jemand habe es auf ihn abgesehen. Ich bin dagegen.

45 Minuten später beginnt die große Mittagspause, in ihrer Mitte startet meine Hofaufsicht. Aus ihr sollte nichts werden. Jonas‘ Eltern sind auf dem Schulgelände aufgetaucht, ungeniert befragen sie dort Schüler der Klasse. Wie sie von dem Vorfall erfahren haben? Manuel hat aus gesundheitlichen Gründen ein Handy, dass er auch in der Schule benutzen darf. Und gerne für Themen abseits seines Gesundheitszustandes verwendet. Also flugs den Vater angerufen, der wiederum Jonas‘ Eltern verständigte, was diese wiederum auf unseren Schulhof brachte. Die perfekte Telefonkette. Allerdings auch in Manuels Fall ein Verstoß gegen das Verbot der Handynutzung in der Schule.

Nun ist es so, dass Eltern nicht einfach die Schule und das Schulgelände ohne Anmeldung betreten und schon gar nicht eigenmächtig andere Schüler befragen dürfen. Das gilt für jede einzelne Schule des Landes. Der Aufsichtsarbeiter greift ein und weist Jonas‘ Eltern auf die bestehenden Regeln hin. Später werden sie sich bei der Schulleitung über ihn beschweren.

Meine Aufsicht beginnt, sie soll nur wenige Sekunden dauern. Ich werde von einem Kollegen vom Hof gezogen, die Eltern warten nun im Besprechungszimmer. Ich bitte ihn, als Zeugen dabei zu bleiben, schließlich habe ich erste Erfahrungen mit solchen Gesprächen gemacht. Die Schulleitung ist ebenfalls schon da, auch wenn sie eigentlich einen anderen Termin vorbereiten müsste. Jonas weint weiterhin, will nach Hause. Seine Eltern sind betont reserviert und sauer auf den Pausenhofarbeiter, der sie nicht freundlich genug ans Sekretariat verwiesen habe. Sie selbst hatten sich dafür bei ihm mit einem „Könnten hier sonst Dinge ans Licht kommen, die nicht ans Licht kommen sollen?“ revanchiert. Die Schulleitung schlichtet, ich nehme erste gedankliche Eingrenzungen vor, welcher Schüler in Abhängigkeit von Zeit und Aufenthaltsort in der kleinen Pause Jonas‘ Ranzen aus dem Fenster geworfen haben könnte. Jonas will nach Hause. Die Schulleitung gestattet es den Eltern, ihren Jungen mitzunehmen, ohne diese Variante zu befürworten und wendet sich dabei direkt an Jonas. Jonas will weiterhin nach Hause und wird seine Eltern dorthin begleiten.

Ganztag, noch zwei Stunden bis zum Schulschluss. Eine erste Fragerunde ergibt nichts. Jede und jeder kann mir erklären, warum sie und er es nicht war und wer das alles bezeugen könne. Kurz: Der Kommissar ermittelt wieder.

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