In der Abwärtsspirale

Vanessa muss gerade die Schultage zu Hause verbringen. Sowohl KollegInnen als auch ich haben mehrere Tadel verschickt. Das Mädchen hat es nicht beeindruckt. Längst ist sie den Dauerdruck von uns gewöhnt und so hat sich das Mädchen gut in der rotziges-Göhr-Ecke eingerichtet. Geradezu mit Vorliebe schien sie in der Vergangenheit den Unterricht der Fachkolleginnen und -Kollegen zu stören, Vertretungen hatten sowie gar nichts zu melden. Einem Diabetiker wünschte sie im Zustand der deutlichen Unterzuckerung den Tod. Und sowieso, sie hasst den und den und den und den…

Bis vor kurzer Zeit konnte sie sich bei mir zusammenreißen, aber auch das ist Vergangenheit. Bei direkter Ansprache muss ich mich wie alle anderen auslachen lassen. In Vier-Augen-Gesprächen steht Vanessa indes mit verdrehten Beinen vor mir, kann mir kaum in die Augen schauen. Gleichzeitig quillt die Klassenkummerbox dank ihrer ständigen Beschwerdezettel über.

Bei Telefongesprächen seufzt es etwas hilflos aus der Leitung. Vanessas Mutter scheint Anrufe über das Verhalten ihrer Tochter nicht erst seit mir zu erleben. In Vanessas Abwesenheit durchsucht die Mutter ihr Zimmer.

Doch Vanessa setzt nun Einen oben drauf. Zwischen ihr und Timur schwelt ein nicht enden wollender Konflikt (Vorschlag eines Mitschülers: „Geht euch doch aus dem Weg.“ Vanessa: „Nö.“), der heute eskaliert. Vanessa packt Timur von hinten, ist dabei, ihm ihr Knie ins Kreuz zu stoßen. So weit kommt es nicht. Bei Gewalt und versuchter Gewalt kenne ich kein Nachsehen, in Absprache mit der Schulleitung wird sie bis zur ohnehin geplanten Konferenz vom Schulbetrieb ausgeschlossen. Ihre Mutter ist über diese Nachricht nicht begeistert:

„Bis zur Konferenz?! Aber da gibt es einen Mitschüler, Timur, der hackt den ganzen Tag auf ihr rum.“

„Es geht nicht nur um den Konflikt mit Timur. Es geht um Vanessas gesamtes Verhalten in der Schule…“

„Aber der Timur hat auch…“

„Es geht nicht um Timur. Vanessa stört permanent den Unterricht und meine Kollegen und ich müssen uns anschließend noch von ihr auslachen lassen.“

„Nein, nein, bis zur Konferenz ist viel zu lange! Aber wegen Timur will sie aus dem Fenster springen, hat sie geschrieben.“

„Das ändert nichts an ihrem schulischen Verhalten. Außerdem ist die Suspendierung eine Anweisung der Schulleitung.“

„Nein, das ist zu lange, Vanessa kommt jeden Tag nach Hause und dann schreibt sie auf, wegen Timur, was er wieder gemacht hat…“

„Es geht nicht um Timur! Und die Suspendierung ist wie gesagt eine Anordnung, die nicht diskutiert werden kann. Bitte holen Sie Ihre Tochter nun ab.“

So wird Vanessa abgeholt und wartet zu Hause auf die Konferenz, bei der es beginnend mit dem Einschulungstag sicher viel zu besprechen gibt.

Zugegeben, an Vanessas innerer Verfassung ändert das nichts. Die Unzufriedenheit steht ihr ins Gesicht geschrieben, auch wenn sie stets ordentlich und modisch angezogen ist. Da hilft auch die momentane Freude darüber, diejenige zu sein, die niemand in den Griff bekommt, wenig. Auch Vanessa wird merken, dass sie damit nichts Positives schafft, menschliche Beziehungen einreißt. In den Gängen der Schule muss man nur der lautesten und patzigsten Stimme folgen und man findet Vanessa. So bleibt ihr (in ihrer Logik) nur die Rolle als Kaputtmacherin unter der letztlich vor allem sie selbst leidet. Und offensichtlich hat sie für den Moment jede Vorstellung davon, wie Zufriedenheit aussieht, verloren. Wenn ihr etwas gelingt, sorgt das bei ihr für plötzliches und lautstarkes Erstaunen. Um anschließend wieder in Unterrichtsstörungen zu verfallen. Ich habe versucht, nicht nur zu strafen oder zu ermahnen, sondern ihr auch entgegenzukommen. Nichts scheint zu ihr durchzudringen.

Dass die Schule Maßnahmen ergreifen wird, ist konsequent. Warum sie so frustriert ist, wird damit wahrscheinlich nicht beantwortet. Und zufriedener wird Vanessa erst recht nicht. Bleibt ihr nur eine Richtung. Die, die sie schon so gut kennt. Bekanntes gibt Halt. Wenn auch manchmal den Falschen.

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