So nah und doch so fern

„Herr Alltagsarbeiter, mein Biobuch ist immer noch weg!“ Seit zwei Wochen steht Jennifer beinahe täglich vor mir und erzählt mir das Gleiche. Nun kann auch ich keine verschwundenen Biologiebücher wieder hervorzaubern. Das System Schule hat da so klare wie aus Schülersicht gemeine Regeln: Die Schule leiht die Bücher aus und übergibt sie gegen Unterschrift damit in die Verantwortung und Haftung der Schüler beziehungsweise ihrer Eltern.

Das habe ich auch Jennifer klar gemacht, doch das gefällt ihr gar nicht. Wenn man nur lange genug bohrt, muss doch etwas passieren? Vielleicht gebe ich igrendwann nach? Auch wenn mir nicht ganz klar ist, wobei eigentlich. Ihre Mutter war auch schon da, Jennifer sei krank gewesen (dazu unten mehr) und als sie wieder in die Schule kam, war das Buch weg. Einfach so. Auf meinen Hinweis hin war Jennifer bereits bei der Schulassistentin. Die fordert wiederum, das Buch bitte bis zu den Osterferien zu suchen und sich dann nochmal zu melden. Jennifer mag nicht suchen („Hab‘ ich schon überall!“), also steht sie bei mir. Der Mutter empfahl ich, im Sekretariat eine Verlustmeldung abzugeben. Die bekomme aber ich in die Hand gedrückt. Im Verwaltungstrakt könnte man der Schulleitung begegnen, das ist in ihrem Fall nicht immer angenehm (dazu unten mehr).

Die Biologiearbeiterin hat man auch schon parallel zu mir bearbeitet, wie ich von ihr erfahre. Aber sie besitzt ebenfalls keine Biologiebuchproduktion. Und sie hat genauso ebenfalls auf die Ausleihbedingungen der Schule hingewiesen. Anstrengend. Also wird bei mir weitergebohrt. Und beim Sitznachbarn will man offenbar nicht mit reingucken.

Freitag ist Ruhe. Zur Deutscharbeit ist Jennifer nicht da. Das passiert schonmal, sie kommt nicht immer gerne zur Schule. Und damit auch nicht regelmäßig. Dafür fehlt sie gerne ohne Entschuldigung. Ihre Mutter kommt da teilweise nicht hinterher mit dem Schreiben und den notwendigen Arztbesuchen ab drei Tagen Fehlzeit. Oder sie kommt mit sehr abenteuerlichen Entschuldigungen. Unter zwei Krankheiten gleichzeitig macht man es schon nicht mehr. Es gab (erfolglose) Gespräche und Vereinbarungen zwischen Eltern und Schulleitung, ich bin im Austausch mit dem Jugendamt.

Die anschließende Woche ist Jennifer wieder da, wenn auch ohne Entschuldigung für den Freitag. „Mein Biobuch ist aber immer noch weg! Was mache ich denn jetzt? Ich brauch‘ das doch morgen!“

Freitag ist Ruhe, der Nachschreibtermin steht an, Jennifer ist nicht da. Diesmal wurde sie morgens telefonisch von der Mutter abgemeldet. Auch wenn da noch etwas Schriftliches folgen muss. Jennifers Mutter hat außerdem einen dringenden Rückrufwunsch, es geht um das Biologiebuch. Oder nicht doch um etwas ganz anderes? Immerhin bearbeitet das Jugendamt noch meine letzte Meldung über Jennifers Fehltage.

Ich bin die Sache langsam leid. So ein Schulbuch verschwindet nicht einfach im Nirvana. Ich wage nach Schulschluss einen Blick in Jennifers Bücherkiste. Kein Biologiebuch. Ich wage einen Blick in die Nachbarkiste. Dort strahlen mir zwei grün-blaue Einbände entgegen, die Farben des Biologiebuchs an unserer Schule. Ich nehme das obere heraus, schlage den Einband auf und lese Jennifers Namen. Ich beschließe, das Jennifer nächste Woche selbst mitzuteilen und rufe ihre Mutter nicht zurück.

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