Auf dem Trockenen

Manuel braucht heute eine extra Extraeinladung. Die meisten Kinder haben zu Stundenbeginn noch schnell einen Schluck aus ihrenTrinkflaschen genommen und sie anschließend im Rucksack verstaut. Einige brauchen häufig eine Sonderaufforderung. Manuel zeigt sich davon unbehelligt, seelenruhig und ungestört vom Unterrichtsbeginn trinkt er weiter, die Plastikflasche knistert dazu in den Unterrichtsstart hinein. „Manuel, das gilt auch für dich.“, spreche ich ihn an. „Jaa?“, antwortet er scheinbar verwundert als wäre dies vollkommen neu und grinst mich frech an. Es ist nicht das erste Mal, dass er sich so aufführt. Sicher, er ist ernsthaft krank, aber er setzt die Krankheit auch strategisch ein, um sich vor den Unterrichtsaufgaben zu drücken.

Heute ist es also das Trinken. Furchtbar trocken ist seine Stimme wenn er sich meldet. Völlig ausgetrocknet. Nur unter größten Mühen und Anstrengungen bringt er etwas heraus, ist kaum für die Klasse und mich zu verstehen. Es muss ihm wahrlich schlecht gehen, er zieht ein ganz krankes Gesicht. Doch Heilung ist in Sicht.

Die Arbeitsphase startet und die Schülerinnen und Schüler beginnen mit ihrem Arbeitsauftrag. Tobias braucht noch einen Anspitzer für seinen Bleistift. Kein Ding! Manuel hat einen dabei – „Hepp!“ – da kommt der Anspitzer zu Tobias geflogen und – „Hepp!“ – da wird er wieder eingefangen. Das macht sichtlich Spaß, Manuel ist wie verwandelt, ein Lächeln in sein Gesicht gezaubert. Anna hat einen Schluckauf bekommen und für das arme Mädchen hat er auch noch einen lustigen Spruch über. Klappt doch mit dem Sprechen, die Stimme ist wie geölt. Manuel schaut hier, ist mit seiner Aufmerksamkeit da, scherzt dort.

So viel Aktion ist natürlich anstrengend. So anstregend, dass die Zeilen in seinem Heft leer bleiben. So anstrengend, dass die gerade erst wieder gewonnene Stimme erschöpft ist. Ganz unglücklich schaut Manuel aus, als ich ihn aufrufe. Mühsam wie zuvor bringt seine ausgedorrte Stimme die Antworten hervor. Sehnsüchtig muss er das Ende der Stunde erwartet haben, pünktlich mit dem Gong nimmt er einen großen Schluck und schon ist das Lächeln wieder da, genauso wie ein paar flotte Sprüche.

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2 Gedanken zu “Auf dem Trockenen

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