Kontrasterfahrungen

„Herr Alltagsarbeiter, wie finden Sie meine neuen Handschuhe?“ Franklin steht vor mir und schaut mich erwartungsvoll an. Ich greife mir einen, befühle ihn. „Echtes Leder?“ frage ich. Franklin nickt eifrig. „Jaaaa.“ „Nicht schlecht.“ Ich nicke anerkennend und lasse Franklin noch schnell vor mir in den Klassenraum schlüpfen.

Der Schultag ist weit fortgeschritten, die große Mittagspause bricht an, bevor es in den Ganztag und damit den Schlusssprint geht. Ich beaufsichtige meine Klasse beim gemeinsamen Essen und will so eben selbst in mein Brot beißen. Weiter komme ich nicht. „Ich habe solchen Hunger! Ich habe sooo ein großes Loch im Magen.“ Vor mir steht Francois. Wenn sich dieser kleine 11-jährige Junge morgens sein Brot nicht selber macht, macht es ihm häufig keiner. Dann verbringt er eben acht Stunden in der Schule ohne etwas zu Essen oder zu Trinken. „Hast du dir denn kein Brot mitgenommen?“ Was für eine hilflose wie dämliche Frage von mir, die Antwort ist doch offensichtlich. Die Sache ist klar, mein Brot wandert aus meiner Hand in die von Francois. „Hm, Salat und Gurke“, murmelt er und schon ist das Brot halb aufgegessen. Bald geht es in den restlichen Schultag. Irgendwo zwischen Lederhandschuhen und tiefen Löchern im Bauch.

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