Der fremde Faktor

Thema Stellungnahme. Nach manchen Um- und Irrwegen nimmt mein Deutschkurs langsam Kurs auf die erste Stellungnahme, die wirklich jedem Schüler vorliegt. Und tatsächlich –  die Arbeitsblätter, die meinen Schäfchen eine Stellungnahme vorstrukturieren, wandern langsam aber sicher bei nahezu allen aus dem Rucksack auf den Tisch. Nach der zweiten Aufforderung findet auch Afrim ein gefaltetes und zerknittertes Blatt in seinem Block. Es ist nach einem Tag so ramponiert, dass es bereits antik aussieht. Aber nach wie vor lesbar. Auch Chantal hat flott ihr Material gefunden, obwohl es doch sonst von einer Freundin immer im Klassenraum angeblich ständig und ungefragt „ausgeliehen“ wird. Einzig Francis sitzt immer noch vor einem leeren Tisch. Er fand den Weg zur Schule heute ohne Rucksack bedeutend leichter.

Jetzt wird es ernst: Ich kündige an, dass mit Hilfe dieses Blattes heute eine vollständige Stellungnahme entstehen wird. „Waaas?!“ „Wie denn? Versteh‘ ich nicht!“ Aufregung pur. Aber ich habe für meine Schäfchen vorgesorgt. Nur schnell das Schulbuch auf S. 80 aufgeschlagen, das dort vorgeschlagene Textgerüst ist in seinen Überschriften identisch mit denen auf meinem Arbeitsblatt. Ein kurzer Vergleich wird Klarheit schaffen… „Ich habe kein Deutschbuch!“ Das ist Ashan. Gemeinerweise erwarte ich aber vollständiges Material in meinem Unterricht. Nun gut, ein Partner wird sich schon für sie finden, notieren tue ich mir das dennoch. „Sie dürfen mich nicht aufschreiben!“ – „Natürlich darf ich das“, entgegne ich ungerührt. „Nein! Unser Klassenraum wird renoviert, ich komm‘ da nicht rein!“ Das wurde zwar drei Wochen vorher angekündigt, ist aber aus Ashans Sicht ein vollkommen überraschendes Ereignis. Interessanterweise haben es Michael und Akay geschafft, aus demselben Raum ihre Bücher zu retten. Ebenso Ekin. Sie haben es einfach vor Beginn der Renovierungsarbeiten mit nach Hause genommen. Und von dort mit in die Schule. „Voll gemein! Kann ich nix für. Und was soll ich jetzt machen?“ Hilflosigkeit bei Ashan. „Komm her, kannst bei mir rein gucken.“ Belgin löst Ashans Problem auf die praktische Art. Die bleibt maulig, setzt sich aber zu ihrer Mitschülerin, mit der sie sich in der Pause noch gestritten hat. So hat das fehlende Buch doch noch Frieden geschaffen. Zumindest für heute.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s